Himmel und Hölle

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Hieronymus Bosch

Würden seine Figuren lebendig, könnten sie es locker mit den Kreaturen eines modernen Horrorfilms aufnehmen. Monströse Höllengestalten, furchterregende Fabelwesen und andere Metamorphosen des Schreckens bevölkern seine phantastischen Welten. Seine rauschhaften Bilder, in denen Lust und Leid, Himmel und Hölle stets verstörend nah beieinander liegen, geben bis heute Rätsel auf. Einige dieser Rätsel versucht die Ausstellung „Hieronymus Bosch. Visions Alive“ in Berlin zu entschlüsseln. Die Multimedia-Produktion widmet sich noch bis Ende Oktober dem Leben und Werk des faszinierenden Renaissance-Künstlers.

Hieronymus Bosch bleibt in vielerlei Hinsicht ebenso geheimnisvoll wie seine Bilder, denn über sein Leben ist wenig bekannt. Fest steht allerdings, dass der Maler am 9. August 1516 in seiner Heimatstadt ‘s-Hertogenbosch im niederländischen Nordbrabant beigesetzt wurde. 500 Jahre später feiert die ganze Welt das Bosch-Gedenkjahr und erinnert an einen zeitlosen Künstler, dessen Faszination ungebrochen ist. Seine Werke sind zugleich Inbegriff des spätmittelalterlichen Weltbildes wie auch lesbar als Visionen der Moderne. Kaum ein Künstler wurde so oft zitiert und kopiert. Seine phantastischen Pandämonien inspirierten sowohl Symbolisten, Surrealisten, Dadaisten wie auch Vertreter der psychedelischen Kunst und Musik.

Hieronymus Bosch werden aktuell 20 noch erhaltene Gemälde und acht Zeichnungen zugeschrieben, von ihm signiert sind davon allerdings nur sieben Gemälde. Kein Bild wurde von Bosch zu Lebzeiten betitelt, sämtliche Bezeichnungen wie etwa „Garten der Lüste“ vergaben Kunsthistoriker in späteren Jahren. Auch über mögliche Deutungen hinterließ Bosch selbst keinerlei Aufzeichnungen. Was sollten seine Bilder aussagen? Wollten sie das Böse im Menschen bloßstellen oder sollten sie den Adel ergötzen? Enthalten sie alchimistische oder astrologische Formeln? War er ein Surrealist? Ein Häretiker?
Um Antworten zu finden, nähert sich die Ausstellung – anhand der wenigen bekannten Fakten – zunächst dem Künstler selbst. Der Einführungsbereich von „Hieronymus Bosch. Visions Alive“ eröffnet mit Informationen zu Leben und Schaffen des Künstlers. Bekannt ist etwa, dass Bosch aus einer Malerfamilie stammte und als angesehener Künstler Bewunderer in den höchsten Kreisen hatte. Bei Hof fand er auch seine Auftraggeber, so dass er anders als viele seiner Nachfolger, die als verkannte Genies oft erst nach ihrem Tod zu Weltruhm gelangten, im Wohlstand lebte.

Doch über das, was Hieronymos Bosch antrieb, sagen die spärlichen verbürgten Daten wenig aus. Ob seine Bilder Antworten geben? In zwei abgedunkelten Multimedia-Räumen erweckt auf riesigen Flächen und in gestochen scharfer HD-Qualität ein gut 30-minütiger Loop die Hauptwerke des Malers zum Leben und unterlegt sie mit ausgewählter Musik. Die Besucher können in die phantastischen Welten eintauchen, den monströsen Höllenwesen ganz nahe kommen. Bis ins kleinste Detail lassen sich die paradiesischen Utopien und apokalyptischen Visionen betrachten, wird die religiös geprägte Bildsprache der Zeit zwischen Spätmittelalter und Renaissance lebendig, der Hieronymus Bosch seinen höchst eigenwilligen Stempel aufdrückte.

Damit verfolgt die Ausstellung den neuartigen Ansatz einer niedrigschwelligen Kunst-Präsentation, nicht die originalen Bilder eines Meisters zu zeigen, sondern dem Besucher in einer Symphonie aus Licht, Farben und Musik einen eher emotionalen Zugang zum Künstler und seinem Werk zu ermöglichen. Die Idee wurde von Artplay Media entwickelt. Das internationale Unternehmen ist auf Ausstellungsprojekte in modernen Multimedia-Formaten spezialisiert.

Doch egal, ob moderne Technik die Besucher noch das kleinste Detail erkennen lässt oder ob Kunsthistoriker wiederkehrende Motive ergründen, die Bildwelten des Künstlers lassen sich nie endgültig entschlüsseln. Vielleicht macht genau das – auch 500 Jahre nach seinem Tod – die ungebrochene Faszination des Hieronymus Bosch aus.

Die Multimedia-Ausstellung „Hieronymus Bosch. Visions Alive“ läuft noch bis Ende Oktober in der Alten Münze Berlin.

www.boschalive.com

Text: Stefanie Gomoll | Fotos: boschalive.com

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