Das Lebensgefühl des Rock’n'Roll

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Lightpower Collection

Wenn Ralph-Jörg Wezorke von seiner Sammlung erzählt, wird klar: Das ist nicht einfach irgendein Hobby, sondern echte Leidenschaft. Hinter der Lightpower Collection verbergen sich ansteckende Begeisterung und jede Menge Fachwissen.

Dem ganz großen Musik-Business steht der Paderborner schon rein beruflich nahe. Lightpower ist ein international etabliertes Distributionsunternehmen für Bühnen- und Stadionbeleuchtung – von Opern-Inszenierungen bis zum European Song Contest. Doch privat schlägt das Herz des Unternehmers eindeutig für den Rock ’n’ Roll der 60er und 70er Jahre. Genau das spiegelt die Lightpower Collection wider, deren Herzstück Werke des Ausnahmefotografen Neal Preston sind. Das Lebensgefühl des Rock ’n’ Roll, eingefangen in einer hochkarätigen Sammlung. Über deren Entstehungsgeschichte – und den Sammler – wollte Abgefahren mehr wissen.

Herr Wezorke erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Album?

Ja, das war allerdings kein Album, sondern eine Single, oder besser gesagt zwei sehr gegensätzliche Singles innerhalb von vier Wochen. Das eine war Cat Stevens‘ „Lady d’Arbanville“ und das andere „Paranoid“ von Black Sabbath. Das erste richtige Album war dann „Deep Purple in Rock“.

Mussten Sie darauf sparen?

Anfangs sind wir durch den älteren Bruder eines Freundes an die Musik gekommen. Wenn der nicht da war, durften wir seine Platten hören. Erst als wir unseren eigenen Plattenspieler hatten, haben wir angefangen, uns selbst Alben zu kaufen. Da Platten damals schon teuer waren, wurden sie entsprechend gepflegt, die durfte niemand außer einem selbst anfassen. Vinyl war immer ein Schatz und auch ein bisschen Ausdruck der Persönlichkeit. Man schaute sich die Plattencover von jemandem an und dachte, man wüsste, mit wem man es zu tun hat.

Welches Live-Konzert hat Sie zuletzt beeindruckt?

Beeindruckt hat mich in den letzten Jahren Adele. Die Frau ist so absolut authentisch und macht einfach ihr Ding. Bei amerikanischen Künstlerinnen wie Beyoncé oder Katy Perry ist alles völlig durchgetaktet. Adele kommt einfach auf die Bühne und erzählt Geschichten. Wir haben ja die Tournee begleitet, ich habe einige Konzerte gesehen und sie erzählt jedes Mal andere Geschichten. Da kommt nicht an irgendeinem Punkt genau nach Drehbuch der immer gleiche Ausspruch. Und das macht sie so einzigartig. Wir haben früher mal eine Westernhagen-Tournee gemacht und da kamen so drehbuchgemäße Textstellen, dass wir genau wussten, an welcher Stelle er „Ich liebe Euch alle“ sagen würde.

Gehen Sie privat auch auf Konzerte?

Auf jeden Fall, aber am liebsten zu Konzerten in Clubatmosphäre. In der Schweiz habe ich auf einem Festival Manhattan Transfer gesehen und tags darauf Herbie Hancock, das sind tolle Musiker.

Was bedeutet für Sie Rock ’n‘ Roll?

Das ist nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl. Das ist etwas Unabhängiges, Kritisches, Freiheitsliebendes, Unangepasstes. Diese Unabhängigkeit einer Community, die gewaltfrei unterwegs ist. Wenn man sich zum Beispiel Wacken anschaut, da kommen 75.000 Heavy Metal-Fans, aber es ist eines der friedlichsten Festivals auf der ganzen Welt. Und das ist auch Rock ‘n’ Roll, denn man hat Gewalt gar nicht nötig, weil man nicht frustriert ist, sondern einem Lebensmodell folgt, das einen in Balance hält.

Gibt es eine Band oder ein Album, die Sie bis heute begleitet haben?

In meinem Sturm und Drang habe ich ganz viel Deep Purple und Ten Years After gehört. Aber zu der Zeit kamen dann auch die Konzeptalben wie „Dark Side of the Moon“. Pink Floyd und Jethro Tull höre ich auch heute noch regelmäßig.

Wie sind Sie vom Musikliebhaber zum Sammler von Musik-Fotografie geworden?

Das ist das Ergebnis eines Prozesses. Über Stanley Kubrick, der auch FotoJournalist war, habe ich einen anderen Blick für SW-Fotografie entwickelt. Dann bin ich eines Tages in London zufällig in einen kleinen Laden gestolpert mit Memorabilia und Fotos. Da hing ein Ian-Dury-Covershot und der hat mir so gefallen, dass ich angefangen habe, Album-Cover-Art zu sammeln. Auf diesem Weg bin ich auf ein Foto von Neal Preston gestoßen und das hat mich dahin gebracht, Rock ’n’ Roll-Fotografie zu sammeln. Dann sagte jemand, mach‘ doch mal eine Ausstellung. Also habe ich mich an Neal Preston gewandt, weil ich dafür nicht genug Fotos hatte.

Und wie wurde aus der Ausstellung „In the Eye of the Rock ’n’ Roll Hurricane“, die 2015 auf Tour ging, ein Buch?

Eigentlich sollte es ein Ausstellungskatalog werden. Dann hat mich der Kurator aber einem Verleger vorgestellt und der sagte, das ist so gutes Material, daraus kann ich dir auch ein Buch machen. Da das erste Buch inzwischen nicht mehr die ganze Sammlung abbildet, wird im Oktober in Los Angeles das Neal Preston Buch präsentiert. Das heißt bezeichnenderweise „Exhilarated and Exhausted“. Das trifft diesen ganzen Spannungsbogen, der sich abspielt, wenn du mit diesem Rock-’n’-Roll-Zirkus durch die Welt ziehst. Neal Preston ist ja als Fotograf direkt mit den Bands unterwegs gewesen, das gibt es heute gar nicht mehr. Er hatte die Möglichkeit, Musiker auch abseits der Bühne zu zeigen, in ganz eigenen, stillen Momenten. Das ist der höchste Grad an Authentizität, da ist nichts gestellt, nichts gemanagt, nichts konstruiert. Genau das ist es, was Neal Preston auszeichnet. Aber nicht nur ihn allein. Insgesamt bilden vielleicht 12 bis 15 Fotografen die Zeit zwischen ‘65 und Ende ‘70 ab. Die haben wir alle in unserer Sammlung. Mit etwa 70 Arbeiten ist Neal Preston bis heute deren Herz, aber es kommen noch etwa 300 andere dazu.

Haben Sie ein Lieblingsbild von Neal Preston?

Ja, mein Lieblingsbild ist der Titel des ersten Buches, wo Neal Preston von hinten über die Bühne fotografiert. Dieses Foto bringt alles zusammen, die Energie auf der Bühne, so wie man tatsächlich Pete Townshend und Roger Daltrey kennt, und es bezieht die Begeisterung des Publikums mit ein, das heute nie mehr so nah an die Bühne kommt.

The Who, San Francisco, CA, 1976

The Who, San Francisco, CA, 1976

Autofans träumen von einem Scheunenfund, einem verstaubten Oldtimer, den sie entdecken. Lassen sich in der Rock ’n’ Roll-Fotografie auch solche Schätze heben?

Ja, zum Beispiel bei Jim Marshall. Das war der Urvater der Musikfotografie. Sein Lebensmotto war „Guns, Cars and Cameras“, der war wirklich verrückt, aber jeder wusste: Der macht die besten Fotos der Welt. Anfang der 80er hatte er den Auftrag eines Verlegers, seine 50 Iconic Shots rauszusuchen. Doch die Anzahlung für die Abzüge hat Jim Marshall für etwas anderes ausgegeben. Ein befreundeter Fotograf hat ihm das Geld geliehen, aber um einen Satz der Abzüge für sich gebeten. Dieser Fotograf hat mir gesagt: ‚Komm mal vorbei, ich habe die Kiste mit den Abzügen immer noch unter meinem Bett stehen.‘ Heute steht sie unter meinem Bett (lacht). Das ist in Sammlerkreisen wie ein Scheunenfund, bei dem man nicht ein Auto findet, sondern eine ganze Sammlung, die in gutem Zustand ist.

www.lightpower-collection.com

Text: Stefanie Gomoll | Fotos: Lightpower Collection, Neal Preston, Hilmar B. Traeger

BuchTipps

neal-preston_buch-1_webIn the Eye oft he Rock ’n’ Roll Hurricance

The Photography of Neal Preston

Reel Art Press, August 2015

neal-preston_buch-2_webNeal Preston

Exhilarated and Exhausted

Reel Art Press, Oktober 2017

Behind the Scenes

Der Ertrag der Verkäufe von Büchern, Postern oder signierten Prints in limitierten Editionen geht an eine Stiftung für not-leidende Veranstaltungstechniker. „‚Behind the Scenes‘ unterstützt diejenigen, die als Rock-’n‘-Roll-Nomaden um die Welt ziehen und dann feststellen, dass nach 30, 40 Jahren die Physis auch mal nachlässt und sie nicht vorgesorgt haben“, so Ralph-Jörg Wezorke. „Wir können damit unserer Branche auch etwas zurückgeben. Wenn der Rock ’n‘ Roll nicht erfunden worden wäre, würde es uns nicht geben. Deshalb passt die Stiftung gut zu unserer Unternehmenskultur.“

Jimmy Page, Indianapolis, Indiana, January 1975

Jimmy Page, Indianapolis, Indiana, January 1975

Frank Zappa, Hollywood, 30. April 1979

Frank Zappa, Hollywood, 30. April 1979

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