Der Wille entscheidet

Elias Sansar

Seit er denken kann, ist Elias Sansar in Bewegung. Als Kind tobte er draußen herum, spielte Fußball mit den anderen Kindern des Dorfes. In Nusaybin in der Türkei ist der achtmalige Gewinner des Hermannslaufs aufgewachsen. Im Alter von 10 Jahren kam Elias Sansar nach Deutschland. Heute lebt der 34-Jährige in Detmold – sehr gerne sogar. An seine erste Zeit in Deutschland hat er gute Erinnerungen. Er lernte ganz schnell die Sprache und verstand sich gut mit den anderen Schülern. Für seine Eltern war es das Wichtigste, dass ihr Sohn seinen Abschluss macht und danach eine kaufmännische Ausbildung. Das hat er geschafft – und noch viel mehr. Elias Sansar ist einer der erfolgreichsten Läufer in der Region. Wir wollten wissen, was ihn antreibt. Elias Sansar im Gespräch mit ABGEFAHREN.

Wie sind Sie zum Laufen gekommen?
Elias Sansar: Ich habe schon immer viel Sport gemacht und habe bis zum meinem 18. Lebensjahr Fußball gespielt. Im Sommer 1997 war gerade Fußball-Pause und ich habe die Tour de France mit Jan Ulrich verfolgt. Es hat mich sehr beeindruckt, wie die Radfahrer die Bergetappen gemeistert haben. Das hat mich inspiriert. Weil ich kein Fahrrad hatte, habe ich einfach meine Sportschuhe angezogen und bin losgelaufen. Wir wohnten unterhalb des Hermanns und ich bin hoch zum Denkmal. Dabei habe ich die Zeit gestoppt. Zwei Tage später bin ich die Strecke wieder gelaufen und dann immer wieder. Ich wurde von mal zu mal schneller. Das war zwar anstrengend, aber immer wenn ich oben angekommen war, breitete sich eine Erleichterung aus und ich habe mich sehr gut gefühlt.

Was zeichnet Sie als Läufer aus?
Die Bereitschaft über die eigenen Grenzen zu gehen. Dazu kommt ein gewisses Talent, gute physische Voraussetzungen und ganz wichtig ist die mentale Stärke. Wahrscheinlich bin ich ehrgeiziger als andere. Schon früher beim Fußball haben mich Niederlagen geärgert. Der Rest ist harte Arbeit. Das Training ist sehr viel anstrengender als der Wettkampf. Da gibt es schon mal Momente, da möchte man einfach stehen bleiben. Dann schmerzen die Muskeln, man hat keine Luft mehr. Aber da muss man durch. Ich bin davon überzeugt, dass jeder gesunde Mensch einen Marathon laufen kann, er muss es nur wollen. Der Mensch ist fürs Laufen geschaffen.

Ist das Laufen ein einsames Geschäft?
Das empfinde ich nicht so. Während eines Marathons ist man etwas über zwei Stunden unterwegs. Dabei denkt man viel. Es sind aber nur Gedanken, die ein bis zwei Sekunden aufblitzen. Wenn ich spazieren gehe oder langsamer laufe, bin ich länger bei einem Gedanken. Ich genieße die Ruhe dabei. 2 bis 3 Tage vor einem Wettkampf bin ich sehr nervös und schlafe nicht mehr richtig. Beim Wettkampf selbst ist diese Anspannung hilfreich. Zu Beginn einer Strecke horche ich in mich rein. Frage mich, ob ich an diesem Tag eine gute Zeit laufen und ob ich gewinnen kann. Ich lege mir einen Plan für die Strecke zurecht, den ich während des Wettkampfs flexibel anpassen muss. Wage ich einen Vorstoß oder lasse ich den anderen ziehen, weil er heute vielleicht stärker ist als ich. Manchmal ähnelt das einem Pokerspiel, wenn man sich nicht anmerken lässt, dass man eigentlich schon müde ist.

Letztes Jahr haben Sie das erste Mal am New York Marathon teilgenommen. Ein besonderes Erlebnis?
Auf jeden Fall. Ich war zwei Wochen zuvor den Essen-Marathon gelaufen und wollte mir in New York hauptsächlich die Stadt angucken. Die Stimmung an der Strecke war sehr schön, von Kilometer 2 bis zum Ziel standen die Zuschauer und haben uns motiviert und angefeuert. Man hat den Eindruck, ganz New York steht an der Strecke. Das ist hier anders, obwohl ich die Marathons in Deutschland sehr schätze. Münster oder auch Kassel, das ist mein Lieblingsmarathon.
Als wir durch den Central Park liefen, beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Ich musste daran denken, was in Boston passiert ist. Im Ziel waren wegen der strengen Einlass-kontrollen durch die Polizei auch nur wenige Zuschauer. Die Stimmung dort war weniger schön.

Welche Eigenschaft fällt Ihnenals Erstes zu sich ein?
(überlegt) Ich bin sehr ehrlich. Und mir ist es wichtig, dass auch mein Umfeld ehrlich ist.

Sie haben auf Ihrer Facebook-Seite den Aufruf „Save Kobane“ und „Save Shingal“ geteilt. Wie kam es dazu?
Seit 3 Monaten beschäftigt mich die Situation in Syrien und Irak sehr. Das war keine einfache Zeit. Ich habe mit den Menschen dort mitgelitten. Und das nicht nur, weil ich kurdische/Jesidische Wurzeln habe. Auch der Genozid an den Armeniern, der einige Jahre zurück liegt, oder das Morden in Ruanda haben mich sehr traurig gemacht. Das ist unmenschlich. Mich nimmt so etwas sehr mit.

Bestimmt das Laufen Ihr Leben oder ist das Laufen Ihr Leben?
Ohne das Laufen wäre mein Leben nicht so schön. Wenn ich laufe, schmeckt mir das Essen besser. Und ich esse sehr gerne. Es ist gut, dass ich essen kann, was ich will, ohne Kalorien zählen zu müssen. Wenn mir danach ist, esse ich auch Schokolade oder Pizza. Manchmal laufe ich sogar 10 bis 15 Kilometer, auch wenn es nicht auf dem Trainingsprogramm steht, damit mir das Frühstück besser schmeckt. Ich fühle mich ständig so, als könnte ich Bäume ausreißen. Das wirkt sich sehr positiv auf andere Lebensbereiche aus. Manchmal nerven mich die Einschränkungen in der Wettkampfphase schon etwas. Dass ich ständig aufpassen muss, nicht krank zu werden oder mich zu verletzen. Und die Nervosität, die ich 2 bis 3 Tage verspüre, empfinde ich als kontraproduktiv. Aber ich bin wohl eher ein nervöser Typ. Um das in den Griff zu bekommen, laufe ich oder gehe in die Sauna.

Und wenn Sie mal nicht laufen?
Dann gucke ich sehr gern Dokumentationen. Vor allem nach einem Wettkampf. Danach bin ich immer sehr aufgedreht. Sowas anzugucken beruhigt mich.

Der besondere Blick
Veit Mette

Er ist gebürtiger Bielefelder und er ist Fotograf. Klar, dass Veit Mette auch etwas zum gerade ausklingenden Stadtjubiläum beitragen wollte. Als Stadtfotograf hat er ein Jahr lang mit seinem Projekt „heimat bis wolkig“ einen ganz eigenen Blick auf Bielefeld geworfen.

Dabei tauchen zwar auch typische Sehenswürdigkeiten wie Sparrenburg und Kunsthalle auf, aber eben so, wie Veit Mette sie sieht. „Das ist ein schräger, ironisierender Blick auf Bielefeld“, unterstreicht der Fotograf. „Ich möchte der Stadt und den Menschen auf eine Art und Weise gerecht werden, die nicht Mainstream ist. Die Bilder sollen Bestand haben, auch wenn man Bielefeld nicht kennt.“ Genau das ist dem Fotografen und Bildjournalisten schon bei zahlreichen anderen Projekten gelungen. Von der Uni-Reportage bis zu „Menschen im Museum“ oder seiner Bildersammlung „New York Frames“. Am bekanntesten sind aber wohl die Bilder aus Bethel, denn die sind großflächig auf Bielefelds Stadtbahnen unterwegs. Seit mittlerweile 25 Jahren sucht und findet Veit Mette die besonderen Momente hinter dem Vordergründigen und schafft so ganz besondere Bilder – nicht nur von Bielefeld.

www.veitmette.de
de-de.facebook.com/veit.mette

„heimat bis wolkig“ Porträt einer Stadt
www.kerberverlag.com

 

Text: Eike Birck | Fotos: Veit Mette

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