Craft Beer

Geschmack reloaded

Das Bier zum Feierabend – in Deutschland hat das Tradition. In Süddeutschland gibt’s natürlich ein Weißbier schon zum Mittag. Ein nicht zu unterschätzender Energielieferant für die zweite Tageshälfte. Aber ist das Bier neben dem Grill tatsächlich noch die letzte Männerdomäne? Ein ehrliches Getränk ohne Schnickschnack. Jetzt erobern immer mehr Craft Biere den deutschen Markt. Was ist dran am „Handwerksbier“?

Rund 1.300 Brauereien soll es allein in Deutschland geben. Ein Land, das durch das Reinheitsgebot von 1516 welweit als führend in Sachen Bierkultur gilt. Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – mehr braucht ein gutes Bier nicht. Oder doch? Seit einiger Zeit schwappt auch die aus den USA kommende Craft-Beer-Welle nach Deutschland. Die Brauereien sind klein, fein, produzieren nach eigenem Anspruch Klasse statt Masse und setzen auf den unverwechselbaren Charakter ihres Produkts. Es wird über die richtige Hopfenart diskutiert und Dreh- und Angelpunkt jeder Bier-Genese ist die alkoholische Gärung, also die Umwandlung von Zucker in Kohlendioxid und Alkohol durch Hefe, die neu interpretiert werden kann.

Einer, der die amerikanische Geschmacksvielfalt kennenlernte, ist Oliver Wesseloh. Seitdem hat ihn das Bier nicht mehr losgelassen. Der Biersommelier lebt seine Kreativität in seiner Kehrwieder Kreativbrauerei in Hamburg aus. Mit Erfolg: 2013 gewinnt er die Weltmeisterschaft der Sommeliers für Bier. Seine Biere tragen Namen wie es sonst nur Cocktails tun, wie „Feuchter Traum“ oder „You can leave your hat on“. Angesichts der vielen Biere, die nun auf den Markt drängen, ist nicht genau zu definieren, was ein „echtes“ Craft Beer eigentlich ausmacht. In einem  Interview mit der ZEIT schlägt Oliver Wesseloh vor, Craft Beer über vier Eckpunkte zu definieren: inhabergeführt, transparent, vielfältige Sorten und natürliche Rohstoffe.

Dass der Trend zum Craft Beer ausgerechnet aus der Bier-Diaspora USA kommt, ist eigentlich nicht verwunderlich. Bekanntlich macht Not erfinderisch und diese „Bier-Not“ hatten die Amerikaner ganz ohne Zweifel. Wer schon mal ein US-Budweiser – nicht zu verwechseln mit der tschechischen Brauerei – getrunken hat, weiß, was fades Bier ist. Übrigens wurde das Heimbrauen erst 1979 unter Präsident Jimmy Carter legalisiert – da gab es in den gesamten USA keine 90 Brauereien mehr. Alabama und Mississippi behielten das Verbot aus den Zeiten der Prohibition gar bis 2013. Was blieb den Amerikanern also anderes übrig, als selbst den Topf aufs Feuer zu stellen? Denn eigentlich braucht es für die Bierbraukunst erst mal nur einen großen Kessel und die Möglichkeit, ihn langsam und kontrolliert zu erhitzen. Und dann kommen die Feinheiten, die die Braukunst ausmachen.

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Das wissen natürlich auch die Braumeister vom Einbecker Brauhaus, das als Erfinder des Ur-Bocks gilt. Es wird seit über 600 Jahren nach Original-Rezeptur in Niedersachsen gebraut. Craft Beer gilt als hip. Vielleicht auch deshalb, weil einige kleine Brauereien gegen den Strom schwimmen und sich bewusst gegen den Massenausstoß großer Brauereien abgrenzen wollen. Das gefällt Nina Anika Klotz, Biersommelière und freie Journalistin mit einem besonderen Faible für Craft Beer. Deshalb gründete sie im Herbst 2013 mit „Hopfenhelden“ Deutschlands erstes Craft Beer Magazin – mit Geschichten rund um die unkonventionellen Brauer, und Tipps, wo man in Berlin richtig gutes Bier bekommt. 2015 kommt mit „Meiningers Craft – Magazin für Bierkultur“ das nächste Fachmagazin auf den Markt. Chefredakteur Dirk Omlor ist ebenfalls Diplom-Biersommelier. „Es geht für uns um Biere, die mit Herzblut gebraut und geschmacklich abseits vom so genannten Mainstream angesiedelt sind. Echte und ehrliche Braukunst eben“, definiert er den Begriff Craft Beers.

Das passt ins Selbstverständnis der Macher von Crew Republic aus München. Sie werben mit dem Slogan „Craft Beer is not a crime“ und bieten u. a. Pale German Beer, Wet Hop Beer, Imperial Stout oder India Pale Ale. Gerade IPA zaubert Bierkennern ein Lächeln auf die Lippen. Es steht für das Phänomen Craft Beer wie wohl kein anderes, denn es entfaltet eine aromatische Komplexität, wie man sie sonst eigentlich nur bei großen Weinen findet mit Kräuternoten, Zitrusfrüchten oder Exotischen, wie Mango oder Passionsfrucht. Bei der kurzen Beschreibung fühlt man sich an eine Weinverkostung erinnert. Und diese Events gibt’s mittlerweile auch für Biere – natürlich mit einem Bier-Sommelier. Bier ist nicht einfach nur Bier, sondern ein komplexes Geschmackserlebnis. Und wie beim Wein müssen auch beim Craft Beer die Geschmacksknospen erst sensibilisiert werden. Das heißt: Bier trinken will gelernt werden. Ob das dem ehemaligen Dortmunder Oberbürgermeister Günter Samtlebe gefallen hätte? Von ihm soll der Ausspruch stammen: „Datt beste am Wein is datt Pils danach.“ Gesagt auf dem Dortmunder Weinfest.

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Oliver Wesseloh, Kehrwieder Kreativbrauerei in Hamburg

Und eigentlich ist ein Bier auch erst wirklich angekommen, wenn man es frisch gezapft genießen kann. Da trifft es sich gut, dass immer mehr Craft Beers in Fässern angeliefert werden und die Gastronomie auch Tasting Trays anbietet. Ein Trend aus den USA ist der „Total Tap Takeover“, hierbei übernimmt eine Brauerei für eine bestimmte Zeit alle Zapfhähne.
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Der eine bleibt beim traditionellen Pils und der andere mag die Abwechslung und ist somit bei der Vielfalt der Craft Beers an der richtigen Adresse.

Apropos exotisch: Auch die Asiaten schätzen die Originalität der Craft Beers. Und wer experimentierfreudig ist, der probiert im Andaz Tokyo Toranomon Hills einen Biercocktail. Wie wär‘s mal mit einem Beer Mojito? Oder man gönnt sich im Kerry Hotel Pudong in Shanghai eine 60-minütige Ganzkörpermassage mit Hopfen-Öl. Ein erfrischendes Bier nach Wahl (aus der hauseigenen Brauerei) ist danach in der Bierstube des Fünf-Sterne-Hotels inbegriffen. Und natürlich sind wir sehr auf den April gespannt: Da wird nämlich der International Craft Beer Award zum dritten Mal verliehen.

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Brandstätter Verlag, 34,90€
ISBN: 978-3-85033-943-8

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mit 57 von Stevan Paul eigens für das Kochen mit und zum Bier entwickelten Rezepten mit  Vorschlägen, welche Biere man mit den Speisen kombinieren kann – und das alles schön undogmatisch.

Teilnahme bis 20.05.2016

 

Das Gewinnpiel wurde bereits beendet.

Text: Eike Birck | Fotos: Kreativbrauerei Kehrwieder, Daniela Haug ©/Brandstätter Verlag

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