Der Gin des Lebens

Tradition als Hipster

Queen Mum wollte um nichts in der Welt auf dieses Getränk verzichten: ihr täglicher Gin and Tonic – manchmal wurde es dem Vernehmen nach auch einer mehr. Aber das hat der beliebten Monarchin nicht geschadet, schließlich wurde sie mit ihrem kleinen Laster ganze 101 Jahre alt. Ian Fleming – der literarische Vater von James Bond – ließ den coolsten Geheimagenten aller Zeiten seinen berühmten Martini, geschüttelt nicht gerührt, übrigens mit Gin trinken. In den Verfilmungen wurde es dann leider Wodka, ein Unternehmen hatte hier cleveres Product-Placement betrieben. Wer weiß, vielleicht wäre der Gin dann nicht so leicht für eine Zeit lang in der Versenkung verschwunden. Jetzt erlebt er einen Boom, über den sich selbst die gastronomische Fachwelt wundert. Traditionell und trotzdem extrem angesagt.

Zweifellos: Gin ist in. Das Traditionsgetränk, das seinen Siegeszug in den britischen Kolonien begann, ist heute wieder der Hipster in den Bars weltweit. Nicht nur die geschmackliche Bandbreite der meist farblosen Spirituose mit Wacholder ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen, sondern auch die Art, dieses grandiose Getränk zu genießen. Die Auswahl an Gin, aber auch Tonic-Sorten, ist überwältigend, dazu Zitrone oder Gurke. Viele neue Cocktails wurden kreiert und in manchen Shaker gehört nun sogar ein Teebeutel. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. So wirbt der Couch Club in München mit 130 Sorten Gin. Und in der „Bompas & Parr“-Bar wurde 2009 ein interessantes Experiment gestartet: Ausgestattet mit einem Schutzanzug betreten die Gäste einen separaten Raum. Hier wird der Gin and Tonic nicht getrunken, sondern in Form von zerstäubtem Nebel über die Lunge aufgenommen. Viel zu schade eigentlich. Denn dann entgehen einem so manche geschmackliche Sensationen. 2011 kam der beste Gin der Welt nicht von der britischen Insel, sondern aus Baden-Württemberg. Monkey 47 aus dem Schwarzwald, der aus 47 Zutaten besteht, gewann auf Anhieb alle internationalen Auszeichnungen. Und der Geschmack: zitronig-blumig mit einer klaren Wacholdernote, mild ausgewogen und mit regionalem Touch durch Preiselbeeren und Fichtensprossen.

Aber auch in München – The Duke –, oder im hohen Norden wird kräftig destilliert. Gin Sul wird in Hamburg mit viel Liebe von Hand gefertigt. Doch seine Wurzeln liegen fast 3.000 km weiter südlich: an der rauen Costa Vicentina im Südwesten Portugals. Neben den frischen Zitronen aus der Algarve wird der Geschmack vom Aroma der Lackzistrose geprägt.

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Und dabei hat der Gin seine Ursprünge ganz schnöde ohne Kräuter oder Botanicals im Wacholderschnaps aus den Niederlanden. Als Wilhelm III. von Oranien Nassau 1689 den englischen Thron bestieg, brachte er den Genever aus seiner Heimat mit. Auf der Insel wurde das Getränk dann zu Gin – zunächst, weil billig, ein Getränk der unteren Gesellschaftsklassen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg der Ginkonsum so stark an, dass die Regierung eingreifen musste. Der Rausch griff um sich und damit die hohe Sterblichkeit durch Alkoholkonsum. Die Gin-Krise endete etwa 1757 durch steigende Getreidepreise, sinkende Löhne und entsprechende Rahmengesetzgebung. Ein Gesetz von 1791, der Gin Act, regelte Qualität und Herstellung und brachte das klare Getränk in die Upper Class. Besonders in den Kolonien wurde Gin and Tonic zum Klassiker. Aus medizinischen Gründen – versteht sich. Im Kampf gegen die Malaria hatte sich Chinin als probates Mittel erwiesen. Der bittere – im Tonic Water – enthaltene Stoff war aber selbstverständlich ohne Gin nicht trinkbar. Der beliebteste Longdrink der Welt war geboren.

Apropos: Die Zeiten, als Schweppes fast ein Monopol auf Tonic Water hatte, sind längst vorbei. Hochwertige und ausgewogene Tonics korrespondieren mit den unterschiedlichsten Geschmacksnoten der Gins aus aller Welt. Das Kultgetränk hat heute beileibe nichts mehr mit dem Fusel zu tun, der unter einfachsten Bedingungen in England hergestellt wurde.

Gin kommt heute aus den USA, Indien, Spanien, Südafrika oder eben Deutschland. Wer nähere Bekanntschaft mit Gin schließen möchte, findet spannende, lustige und anregende Geschichten, Anekdoten und Informationen in dem überaus lesenswerten „It‘s Gintime“ von Melanie Jonas, Jürgen Kaffer und Margitta Schulze Lohoff, erschienen im Delius Klasing Verlag. Kreativ bebildert in schöner Aufmachung mit frischen Texten zelebriert das Buch das Lebensgefühl, das einen bei einem wundervollen Sonnenuntergang packt – in der Hand natürlich einen Gin and Tonic. Ein Buch, das einfach Spaß macht. Nicht nur für Gin-Freunde ein Lesegenuss. Außerdem helfen Seiten wie gin-nerds.de oder ginspiration.de dabei, den Überblick im Gin-Dschungel zu behalten und vielleicht so den Gin des Lebens zu finden.

It’s Gintime

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Melanie Jonas, Jürgen Kaffer, Margitta Schulze Lohoff

144 Seiten, 46 Farbfotos, 19,90 Euro

Delius Klasing Verlag „Edition Delius“

Wir verlosen 1 x 1 Buch „It’s Gintime“.

 

 

 

 

Text: Eike Birck | Fotos: Monkey 47, Gin Sul, Delius Klasing

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