Alte Herren, neue Helden

Kennen Sie das Profil des durchschnittlichen deutschen Motorradfahrers? Er verdient gut, fährt eine BMW der oberen PS-Klasse und ist – halten Sie sich fest – 56 Jahre alt. Es sind die alten Säcke, die noch mal richtig Gas geben wollen. Und das nicht nur auf der Straße, sondern auch beim Rock’n’Roll.

Wer kürzlich einen Blick auf die bundesdeutschen Albumcharts warf, konnte sich in einer Art Flashback ins Jahr 1972 zurückgebeamt sehen: Black Sabbath auf Platz 1! Und das nahezu in Originalbesetzung. Ausgerechnet das Quartett aus Birmingham, die Fürsten der Finsternis, die Meister des Okkulten, die Einflussreichsten unter der Sonne, die Urväter von Black Metal und Stoner Rock – und zugleich nicht unbedingt die Allerhellsten. Allein schon Frontmann Ozzy Osbourne: Er konnte zwar einer Fledermaus den Kopf abbeißen, aber im Rahmen der schrecklichen TV-Home-Doku-Soap „The Osbournes“ nicht mal seiner Frau, dem Hausdrachen Sharon, den Kopf abreißen, wenn diese meinte, ihn mal wieder schikanieren zu müssen. Stattdessen quengelte er sich als grenzdebiler Jammerlappen durch die Kulissen, ein Zittern, Tapern und Nuscheln, sodass man als mitleidiger Zuschauer das nächste Lebensstadium des „Prince Of Darkness“ schon vor Augen sah: die Alzheimer-Station eines Pflegeheims. Fürs Comeback musste man ihn wohl umfassend wieder auf dämonisch fönen. Ebenso den Black Sabbath-Leadgitarristen Tony Iommi: Ohnehin gehandicapt durch zwei fehlende Fingerkuppen, dazu noch geschwächt durch eine hartnäckige Erkrankung, muss für ihn die Aussicht, ein neues Sabbath-Album mit dem Produzenten-Taliban Rick Rubin an den Reglern aufnehmen zu können, ein echtes Lebenselixier gewesen sein. Einzig Bassist Geezer Butler scheint ohne größere Schäden an Kopf, Leib und Seele durch die Jahre gekommen zu sein. Und nun schaffen es diese pittoresken Gesichtsbaracken an die Charts-Spitze, lassen alle Teen-Idole locker hinter sich – und das mit muskulösem, blueslastigem Heavy Rock der frühen 70er Jahre.

Was ist die Ursache für die Wiederauferstehung der alten Säcke? Rente zu gering? Musikalischer Hospitalismus? Neues Gesichtsviagra? Man schaue sich einmal die Rolling Stones an, die aktuell höchst lebendig über die Bühnen der Welt hampeln. Visagen, die in ihrer sehnigen Ledrigkeit an durchgesessene Pferdesättel erinnern. Wie warb in den USA ein Postershop noch gleich für sein Angebot? „Wir haben Poster von allen Rockstars – ob lebend, tot oder Keith Richards.“ Woher also die Vitalität des Alters? Ich glaube, dass einem ab einer bestimmten Anzahl von Lebensjahren die eigene Vergangen-heit nicht mehr peinlich ist, im Gegenteil: Man akzeptiert sie, man muss keine Rücksichten mehr nehmen. Wenn einem dann noch eine neue Spielwiese für die alten Leidenschaften geboten wird, umso besser. Da will man selbst als betagtes Zirkuspferd doch noch mal raus auf die Koppel! Soll sich doch die Jugend für einen „Iron Man“ an drei Marathon-Disziplinen abstrampeln: Black Sabbath stimmen dafür einfach den Akkord eines ihrer bekanntesten Kultsongs an.

Text: Hellmuth Opitz | Foto: iStockphoto

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