UNPERFEKTE IKONEN

Anton Corbijn – Retrospektive

Wer an die Rolling Stones oder Nirvana, Nick Cave, Tom Waits, Johnny Cash oder Grace Jones denkt, hat fast automatisch Bilder von Anton Corbijn vor Augen. Diese und zahlreiche weitere Künstler hat der Fotograf oft über längere Zeit begleitet und seine Arbeiten sind Teil ihrer visuellen Historie geworden. Zum 60. Geburtstag von Anton Corbijn feiert C/O Berlin den weltweit renommierten Fotografen und Regisseur in einer großen Retrospektive mit rund 600 Fotografien, Filmen und weiteren Exponaten.

Im Scheinwerferlicht zu stehen, ist oft Maskerade, raffinierte Fassade und sorgfältig orchestrierte Darbietung. Folglich sind die Fotografien von Musikern, Künstlern und kulturellen Ikonen immer nur Bilder von der Oberfläche. Wirklich? Nicht im Geringsten! „I was always looking for inner beauty and struggle”, sagt Anton Corbijn über seine Arbeiten. Und genau das hat er eingefangen. Zwischen rauer Körnigkeit, spontaner Unschärfe und harten Kontrasten schimmern in seinen Fotos tiefe Verletzlichkeit und große Vertrautheit hervor – flüchtige, vielschichtige und fesselnde Nuancen von Intimität. In den letzten vier Jahrzehnten haben seine Porträts das öffentliche Image und die visuelle Identität bekannter Persönlichkeiten geprägt.

Luciano Pavarotti, Turin 1996 | © Anton Corbijn

Luciano Pavarotti, Turin 1996 | © Anton Corbijn

Wie jedoch sind diese Momente persönlicher Authentizität trotz kalkulierter Überhöhung und Selbstvermarktung innerhalb der Kulturindustrie überhaupt möglich? Anders als bei vielen Fotografen liegt bei Anton Corbijn die Antwort in der Etablierung enger Beziehungen zu den Künstlern. Seine Bilder schießt er außerhalb des Studios, sodass das jeweilige Setting – so minimal es auch sein mag – eine immense Rolle für das finale Bild spielt. Spuren von Brüchigkeit, Kratzer an der Oberfläche – Anton Corbijns fotografische Ästhetik wirkt in Komposition, Farbgebung und Auflösung fragmentarisch, unfertig und gerade deshalb so authentisch. Das Unperfekte ist sein stilistisches Markenzeichen, der Corbijnismus.

Die Berliner Ausstellung zeichnet Anton Corbijns Entwicklung vom Autodidakten zu einem der einflussreichsten Fotografen nach und präsentiert die große Vielfalt seiner Themen und verwendeten Techniken. Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen: Hollands Deep bietet einen Überblick über sein gesamtes Werk der vergangenen 40 Jahre – von seinen frühen Schwarz-Weiß-Fotografien bis hin zu persönlichen Projekten und konzeptuellen Serien. 1-2-3-4 präsentiert seine Arbeiten aus der Musikwelt – darunter noch nie veröffentlichte Aufnahmen.

C/O Berlin zeigt die Ausstellung als einzige Station in Deutschland und sie läuft bis zum 31. Januar 2016. Zu beiden Teilen der Retrospektive ist jeweils ein eigener Katalog erschienen – „Hollands Deep“ bei Schirmer/Mosel und „1-2-3-4“ bei Prestel.

Nähere Infos unter www.co-berlin.org

Allen Ginsberg, New York 1996 | © Anton Corbijn

Allen Ginsberg, New York 1996 | © Anton Corbijn

Anton Corbijn

Geboren 1955 in Strijen, Niederlanden nimmt Anton Corbijn mit 17 Jahren zum ersten Mal eine Kamera in die Hand, um die lokale Musikgruppe Solution bei einem Konzert zu fotografieren. Wegen seiner Vorliebe zum Post-Punk zieht er 1979 nach London, wo er fünf Jahre lang als Hauptfotograf für das führende Magazin „New Musical Express“ tätig ist — der Beginn der langjährigen Zusammenarbeit mit Künstlern wie Depeche Mode und U2. 1989 publiziert Anton Corbijn sein erstes Fotobuch „Famouz“, 18 weitere folgen. Er gestaltet Bühnenbilder, Album-Cover und dreht Musik-Videos – für das Video zu „Heart Shaped Box“ von Nirvana erhält er 1994 einen MTV-Award. In den letzten Jahren liegt sein Fokus auf Spielfilmen. Als Regisseur von „Control“, „The American“, „A Most Wanted Man“ und zuletzt „Life“ über die Ikone James Dean ist er weltweit bekannt geworden.

 

Text: Stefanie Gomoll | Bild oben: Christy Turlington, Dublin 1993, © Anton Corbijn

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