Im Reich der Düfte

Frankreich – das Mekka der unsichtbaren Verführer

Lila Bänder durchziehen die Provence. In der Hitze des Sommers blüht und duftet dort der Lavendel. Doch nicht nur. In der Stadt Grasse – heute noch die Hauptstadt der Parfümindustrie – liegt auch die Wiege des wohl berühmtesten Parfüms: Chanel No. 5. „Les nez“ wie die Parfümeure hier genannt werden, wissen um die Wirkung von Düften. Schließlich ist der Weg durch die Nase der kürzeste Weg ins Gehirn. Hier entfalten Geruchsstoffe – ohne, dass es uns bewusst ist – ihre Wirkung.

Unbewusst erinnert uns der Duft frischgebackenen Apfelkuchens an unsere Kindheit, der von Lavendel an den Urlaub in Frankreichs Süden oder an die Wäschesäckchen in Omas Kleiderschrank. Düfte, ob angenehme, kaum wahrnehmbar oder penetrant, umgeben und begleiten uns. Vor allem aber wecken sie Erinnerungen. Wie bei Bildern oder Musik verknüpfen wir mit ihnen bestimmte Ereignisse und Emotionen. Wenn sich Menschen verlieben, sich auf Anhieb sympathisch oder unsympathisch finden, aber nicht wissen warum, führen meist Düfte als unsichtbare Verführer Regie. Sie bahnen sich ihren Weg durch die Nase, wirken auf unser Denken und Fühlen.

Bis zu 10.000 verschiedene Gerüche können wir wahrnehmen. Sie zu klassifizieren und genau einzuordnen, gelingt allerdings nur den wenigsten. Dazu zählen „die Nasen“. Bis zu 3.000 unterschiedliche Düfte können allein ausgebildete Parfümeure und Parfümdesigner, wie die in Grasse, unterscheiden. Einer der wohl bekanntesten dürfte Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süsskinds Bestseller-Roman „Das Parfum“ sein. Regisseur Tom Tykwer verfilmte die Geschichte des mit einem genialen Geruchssinn ausgestatteten Frauenmörders. Dieser verfeinerte in Grasse seine Kenntnisse als Parfümeur auf der Suche nach dem ultimativen Duft und scheitert schließlich desillusioniert.

Parfum

Fest steht – ganz unabhängig von Süsskinds Roman – dass sich die in Parfüms verwendeten Duftstoffe, ob natürlich oder künstlich hergestellt, auf unsere Stimmung und unsere Emotionen auswirken. Gehirnforscher haben herausgefunden, dass der kürzeste Weg ins emotionale Zentrum des Gehirns über die Riechnerven führt. Dort manipulieren Gerüche die Gefühle desjenigen, dem sie in die Nase steigen. Längst macht sich die Industrie dieses Wissen zu nutze. Düfte regen in Geschäften zum Kaufen an und natürlich greifen wir zu dem Shampoo und der Körperpflege, die auch unserer Nase gefällt. Selbst zur Mitarbeitermotivation werden Duftstoffe inzwischen genutzt. So versprüht ein japanisches Unternehmen morgens belebende Zitrone während Zeder die Müdigkeit nach der Mittagspause vertreiben soll. Und nachmittags sollen schließlich blumige Essenzen die Konzentration fördern.

Jeder Duft besitzt also seine ganz eigene Psychologie. Lavendel wird, schon in der Antike als Badezusatz verwendet, positive, reinigende Eigenschaften zugeschrieben. Der süß-balsamische Duft mit blumigen Nuancen hat eine lebensbejahende und aufmunternde Ausstrahlung und findet sich in Klassikern wie „Wild Lavender“ von Lorenzo Villoresi, aber auch „Lavender Palm“ von Tom Ford oder „Eau de Cartier“ von Cartier wieder. Oud – einer der seltensten Duftbausteine der Welt – wirkt in „Midnight Oud“ von Juliette Has a Gun oder dem Unisex-Duft „Oud Royal“ von Armani dagegen durch seinen holzig-süßen Geruch auf seine Trägerin warm und exotisch, auf Männer wiederum attraktiv und erotisch. Während der Zitrusduft der Bergamotte sowohl von Frauen als auch von Männern aufgrund ihrer frischen, fruchtig-süßen Nuancen geschätzt wird. Wie im „Eau de Rochas“ von Rochas oder als Teil der Collection de Grasse – der Duftserie von L’Occitane , wo der dezente Duft von Bergamotte auf Jasminblüten trifft.

Parfum2

In der Regel entscheidet der erste Dufteindruck darüber, ob wir ein Parfüm mögen oder nicht. Ein Eindruck, der manchmal auch trügt. Denn ein Duft wirkt auf jeder Haut unterschiedlich und die Duftnote eines Parfüms entwickelt sich in drei Phasen – der Kopf-, Herz- und Basisnote. Ob Mandarine und Vanille erheiternd wirken, Lavendel beruhigt oder Jasmin die Stimmung aufhellt, hängt also von mehreren Faktoren ab. Immer aber verrät ein Duft – wie ein unsichtbares Accessoire – auch etwas über die Person, die ihn trägt. Die stattliche Summe von mehr als 2,5 Milliarden Euro investieren die Deutschen übrigens jährlich, um gut oder individuell zu riechen. Und haben die Qual der Wahl. Allein zwischen 60 und 80 neue Düfte kommen jährlich auf den Markt. Aber es gibt auch die Möglichkeit, ein individuelles Parfüm zu komponieren. Im Rahmen eines Parfümeur-Workshops – zum Beispiel bei Nicolas de Barry im Château de Frileuse an der Loire – können Teilnehmer im intimen und edlen Ambiente ihr eigenes Duftwasser kreieren.

 

Duft-1

Professionell – und mit langer Tradition – betreiben rund dreißig Parfüm-Manufakturen die Parfümherstellung in und um Grasse. Daran angeschlossen ist häufig ein kleines Museum. Die Parfümerie Galimard zählt zu einer der ältesten und bekanntesten. Gegründet von Jean de Galimard, einem Freund von Johann Wolfgang von Goethe, im Jahr 1747. Er versorgte mit Salben, Seifen und Parfüms aus seiner Duftwerkstatt sogar die französischen Könige. Und profitierte vom Klima der sonnenverwöhnten Region. Schließlich finden hier nicht nur Lavendel, sondern auch die Rose, die Chanel No. 5 ihren unvergleichlichen Duft verleiht, beste klimatische Voraussetzungen.

Text: Corinna Bokermann| Fotos: Manuela Weller, iStock.com/ibusca, iStock.com/Francesco Ricca Lacomino, L’Occitane (PR),


 

win_buch

Heike Jeannette Hegmann

Parfums – Kostbarkeiten für die Sinne

Die Parfümexpertin Heike Jeannette Hegmann hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben, das kunstvoll illustriert und völlig neuartig anhand von Sehnsüchten durch die geheime Welt der Nischenparfums navigiert. Die von ihr vorgestellten Kreationen sind den ganz persönlichen Passionen von Parfümeuren entsprungen, die fernab großer Marketingmaschinerien von Marken wie Chanel und Dior auf der Suche nach dem besonderen Moment sind. Aurum, 191 Seiten, 19,95 €

Wir verlosen 1 x 1 Buch. Teilnahme bis zum 31.07.2016

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.